Fünfzehn Kilo zuviel, dachte er, als er auf der Rolltreppe stand, die ihn vom U-Bahnhof ins Licht des Tages hievte. Eigentlich sollte ich hochlaufen…. das wären 70 Kalorien, die ich allein durchs Treppensteigen loswürde. Aber seine Füße waren schwer, die Schuhe klebten an den Rillen der Rolltreppenstufen, der Aktenkoffer zog seine Schulter nach unten. Er fühlte sich schief. Ein achtlos weggespuckter Kaugummi hatte sich zwischen den Rolltreppenrillen verfangen. Ekelhaft, dachte er und hob den Blick. Dieser fiel auf das Hinterteil einer mittelalten Matrone, die zwei Stufen vor ihm stand. Wenn sie jetzt furzt, habe ich das direkt im Gesicht. Er seufzte und richtete seinen Blick weiter nach oben, auf den Ausgang des U-Bahn-Treppenhauses, dem er entgegenrollte.
Müde hingen die Märzwolken über der Betonfassade des Amtsgerichts. Mit einem großen Schritt verließ er die Rolltreppe und setzte seinen Weg in Richtung Büro fort. Vorbei an den vergilbten Vorhängen der Gerichtskantine, hinter denen eine Putzfrau Staub saugte. Vorbei an den verfilzten Immergrün-Büschen, zwischen denen Capri-Sonnen-Tüten verrotteten. Vorbei an der Leberkäs-Oase und am Sun-Fit-Sonnenstudio. In zweihundert Metern würde er links abbiegen, durch den Hof kreuzen, vorbei am neuen Jaguar XK des Managing Partners, vorbei am Porsche Cayenne des CFOs, vorbei am BMW X5 des Heads of Technical Services. Im hinteren Treppenhaus würde er mit dem Aufzug in den dritten Stock fahren, seinen PC anschalten, fünf Stunden auf den Montitor starren, bis seine Augen vor Trockenheit brannten, ein Gulasch in der Kantine essen, vier weitere Stunden ausharren, den Monitor ausschalten, vorbei am Jaguar XK, am Porsche Cayenne, am BMW X5, zurück zur U-Bahn-Rolltreppe, die ihn wieder unter die Erde befördern würde.
Was für ein Leben, dachte er. Sein Magen brannte. Zu viel Magensäure hatte der Arzt neulich gemeint. Eine Märzböe fuhr durch die Straße und trieb eine Plastiktüte vor sich her. Der Wind roch nach tauender Erde. Ganz anders als vor zwei, drei Wochen. Die schneidend kalte Winterluft hatte keine Gerüche in sich getragen, dachte er. Klar wie die Luft am Polarmeer war sie gewesen. Eis riecht nach nichts. Aber der Märzwind roch nach Frühling. Achtzig Meter vor der Hofeinfahrt zu seinem Bürohaus drehte er sich plötzlich nach links. Ein Schritt, noch ein Schritt. - - - Diese kleine Seitenstraße war er noch nie langgegangen. Aber seine Füße wussten bereits, dass sie nicht mehr umkehren würden.