Frohes Fest
„Denn bisher hat er einfach von einem Tag zum andern gelebt, hat jeden Tag etwas anderes versucht und ist ohne Arg gewesen. Er hat so viele Möglichkeiten für sich gesehen und er hat, zum Beispiel gedacht, dass er alles mögliche werden könne: Ein großer Mann, ein Leuchtfeuer, ein philosophischer Geist. (…)
Oder ein Müßiggänger aus Weisheit – jeden Genuß suchend und nichts als Genuß, in der Musik, in Büchern, in alten Handschriften, fernen Ländern, an Säulen gelehnt. Er hatte ja nur dieses eine Leben zu leben, dieses eine Ich zu verspielen, begierig nach Glück, nach Schönheit, geschaffen für Glück und süchtig nach jedem Glanz! (…)
Nie hat er einen Augenblick befürchtet, dass der Vorhang, wie jetzt, aufgehen könne, dass das Stichwort fallen könne für ihn, und er zeigen müsse eines Tages, was er wirklich zu denken und zu tun vermochte, und dass er eingestehen müsse, worauf es ihm wirklich ankomme.“
(Ingeborg Bachmann: Das dreißigste Jahr)

