Zeitung und alte Menschen
von sobchak am 02.08.06 um 19:56
Gero von Randow stellt in der Zeit die Eine-Milliarde-Dollar-Frage: Wird der klassische Autor im Internet durch Schreibkollektive ersetzt?
Steve Rubel spekuliert bei Micro Persuasion: Werden Zeitungen in Zukunft nichts anderes als Riesen-Blogs?
Feuilletonisten aufgepasst: Ihr müsst nicht mehr ständig MySpace als Beleg heranziehen, wenn Ihr über SocialNetworkSites schreibt, Techcrunch weiß Rat: Es gibt jetzt Eons.com, eine Art MySpace 50 plus.
Chateaubriand am 03.08.06 um 13:26
Leider führt die Etablierung neuer Medien, neuer Marken oder neuer Mediennutzungsstrategien (”web 2.0″) häufig zu einer recht aggressiven Differenzierung in “das böse Alte” und “das gute Neue”. Bei Gero von Randow geht es gleich um die “Ein-Milliarde-Dollar-Frage” und von sobchak wird (allerdings nicht kategorisch, wie ich unterstelle) der “klassische Autor” den “Schreibkollektiven” entgegen gesetzt.
Wer dem verspielten Friedrich Kittler glauben schenken mag, dass neue Medien sich als Nebeneffekt neuer Strategien der Kriegsführung etablieren, die mit ihrer Existenz zwar eine neue Möglichkeit der Weltwahrnehmung etablieren, nicht jedoch die alten Medien ruhigstellen, kann auch eine etwas andere Perspektive einnehmen. Als Walter Benjamin 1936 zurzeit des Nationalsozialismus noch optimistisch auf die “revolutionären Funktionen de Films” gegen den Faschismus setzte, ahnte er noch nichts von seinem Suizid, von Privatfernsehen und Pornoindustrie. Medien lassen sich immer korrupt wie aber auch alternativ nutzen - mich würde nun sehr interessieren, welche Formen des “web 2.0″ uns als jene erscheinen, die mehr sind als eine Mitarbeit an der Verwaltung des Bestehenden. (Da kann ich hoffentlich einiges von Euren klugen Beiträgen lernen.)
Denn ich finde es erstaunlich und verstörend, wie selbstverständlich die meisten Debatten um das “web 2.0″ in einem komplett durchökonomisierten Jargon geführt werden. In von Randows Text geht es um die Frage, wie man “das Publikum an die Marke binden” könne oder wie die “soziale Bindung” des Netzes letztlich für ein Milliarden-Dollar-Geschäft urbar gemacht werden könne. Nur zwei dunkle Seiten dieser Perspektive seien benannt: Einerseits beschreibt von Randow selbst, wie die Foren der User von den entsprechenden Moderatoren und Redaktionen manipuliert werden, um die “Markenbindung” (und hoffentlich auch die “Qualität”) zu stärken; welche Verfahren der Kontrolle oder Offenlegung lassen sich hierbei benennen oder verschleiern? Der zweite Punkt ist die im Artikel zitierte Konzeption eines “digitalen Maoismus” - die Weisheit wohne in den Massen, man müsse ihnen nur das richtige Medium zur Verfügung stellen; man lese nur mal bei Leslie A. Fiedler 1968 nach, wie naiv dieser Ansatz ist. Wo aber liesse sich zwischen diesen Punkten der Steuerung/Manipulation einerseits und der Selbstermächtigung andererseits eine progressive Nutzung des Mediums vorantreiben? Und was wären Kategorien dafür oder so etwas wie “Qualitätsmerkmale”? Und inwiefern wäre also am-meer.net nciht korrupt (fühle meine Beiträge hier nur sehr bedingt als kontrolliert und ökonomisiert, hurra, befreite Welt!)?
Eine letzte Anmerkung: Der so genannte “klassische Autor” ist vermutlich die geniale, solistische Figur, die Goethe und Schiller so nie darstellen wollten, sondern die als Erfindung der Literaturwissenschaft zurzeit der Befreiungskriege gegen Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts von der Germanistik konstruiert wurde als Konzept einer “Weimarer Klassik”. Zweifelsohne haben in dieser Tradition wie auch in der Tradition der Romantik viele Autoren (die schlechteren machen dies noch heute) an der solistisch-genialischen Selbstinszenierung festgehalten; die Literaturgeschichte war aber schon immer voll von der anderen Seite: Von Synonymen, Autorkollektiven, anonym veröffentlichten Texten etc. Spätestens seit Foucaults “Was ist ein Autor?” (1969) ist die Rede vom ‘authentischen Autornamen’, der in der westlich-abendländischen Welt und als juridische Grösse ohnehin erst mit der Romantik etabliert wurde, nur mehr als eine strategische Grösse zu sehen (Rolf Dieter Brinkmann schrieb z.B. mit anderen zusammen sog. Kollaboration, auch bei den Surrealisten waren solche Techniken normal; der Kollektivname Luther Blissett wird von vielen AktivistInnen genutzt etc.). Von daher ist das Schreibkollektiv alles andere als eine Erfindung des “web 2.0″; vielmehr wird es, allerdings in einer vorher quantitativ nicht gekannten Weise, womöglich die monetären Arbeitsgrundlagen des solistischen Journalisten in Frage stellen, der es gewohnt war, seinen Artikel oder Beitrag mit einem Namen zu zeichnen und dafür entlohnt zu werden. Der Journalismus ist jedoch ein Feld, von dem ich recht wenig Ahnung habe, hier würden mich Zukunftsvisionen sehr interessieren. Der Literaturbetrieb wird weiterhin seine Lesungen kennen von Lyrikern, die während ihrer Lesung in die Kissen unterm Popöchen pfurzen, was nicht weiter auffällt, weil das Publikum ohnehin schon weggenickt ist. Vielleicht aber wird es davon zukünftig weniger geben und ein paar mehr LiteratInnen, die sich im “web 2.0″ tummeln, z.B. als ‘walsermassaker06′ oder so.
sobchak am 03.08.06 um 16:13
Der Richtigkeit halber: die Frage stellt Herr von Randow selber so. In der Unterzeile seines Textes.
Grundsätzlich muss man mit der Etikettierung “Web2.0″ sehr vorsichtig sein, sie fasst natürlich Dinge zusammen, die weder neu noch besonders sind. Aber: sie eröffnet den Raum für eine Debatte. Diese Debatte wird von vermeintlich intelektueller Seite konservativ geführt, das ist - meines Erachtens - ein Grund dafür, warum die treibenden Kräft der Web2.0-Debatte eher dazu neigen, einen “ökonomisierenten Diskurs” zu nutzen.
kommentieren