Niggemeier und die SZ
Bildblogger Stefan Niggemeier hat eine E-Mail an Stefan Kornelius (Außenpolitik-Chef der SZ) geschrieben. Weil jener in einem Kommentar von der “Seuche Internet” gesprochen hatte. Es ging um das Saddam Video (hier Meer) und dies ist der Zusammenhang, in dem die Formulierung fällt: “Nun ist ein Video der Hinrichtung aufgetaucht, aufgenommen mit einem Mobiltelefon. Bild wie Ton geben erstens Zeugnis davon, in welch entwürdigender Art Saddam sein Leben ließ, und zweitens, wie verkommen eine Gesellschaft sein muss, in der selbst die Exekution des verurteilten Schergen zum billigen, rohen Spektakel gerät. Die Seuche Internet garantiert, dass die Bilder auf immer abrufbar sein und - so weit der Begriff in diesem Zusammenhang erlaubt ist - kulthaften Status annehmen werden.
Stefan Kornelius hat auf diese E-Mail geantwortete. Niggemeier hat diese Antwort hier veröffentlicht. Das hat zu einer Kommentarflut geführt. Einerseits, weil man als Blogger natürlich gerne kommentiert und andererseits, weil das in diesem Fall ja auch recht einfach ist.
Seine genaue Lektüre der SZ hatte Niggemeier vor einer Weile schon mal hier zu einem kommentierungswürdigen Eintrag genutzt.
ruby am 04.01.07 um 12:08
Wie ich ja unter Sobchaks Verlinkung angemerkt habe: ich finde die Verbreitung des Videos verabscheuenswert und beteilige mich auch nicht daran. - Dennoch: Mr. Kornelius: Don’t kill the Messenger.
Das Internet ist nicht daran schuld, wir, die User sind es.
ruby am 04.01.07 um 12:10
Ein kritisch-analytischer Artikel sollte hier differenzieren können.
- - - Wenngleich ich Herrn Kornelius Empörung über die öffentliche Kritik (oder ists Polemik?) von Herrn Niggemeier verstehen kann. Das macht man doch nicht unter Kollegen - oder etwa doch?
etruschi am 04.01.07 um 16:50
danke für die hinweise! bin gerade im kreuberger morena online und habe mir jetzt mal alle relevanten seiten aufgemacht, damit ich das alles zu hause noch mal in ruhe nachlesen kann. aber die debatte ist wirklich ein spannendes phänomen, zumal es meinem ersten eindruck nach überhaupt nicht um das hussein-video geht (inhaltlich bei der bewertung stimme ich da ms. bunz zu. die verbreitung des videos finde ich ehrlich gesagt per se nicht verabscheuenswürdig, ich finde todesstrafe und krieg verabscheuendswürdig, aber wo es um geld, öl und macht geht, ist das egal, da gibt es keine moral, weder im internet noch in den massenmedien oder in den oval offices oder auf den schlachtfeldern dieser welt), es geht hier um klassischen top-down-print-journalismus, der angst vor den veränderungen hat, und um einen zeitgemäßen online-journalismus, der die alten medien frech herausfordert. ich kann die empörung von kornelius nicht teilen und finde seine e-mail-antwort reichlich arrogant und abstoßend. entweder kornelius schiebt richtig panik oder er und niggemeier haben noch irgendeine andere, saftige rechnung offen. jedenfalls ist es spannendes beispiel dafür, was für spekulationen eine veröffentlichung im internet nach sich zieht und wie durchschaubar vieles plötzlich zu werden scheint…
sobchak am 05.01.07 um 09:50
Ich nehm den Diskussionsfaden von pudelfreund und ruby mal hier auf: Man muss meiner Meinung nach zwei Kategorien unterscheiden, die persönlich-moralische Einschätzung des Films und die gesellschaftliche. Ganz persönlich finde ich den Film auch abstoßend, ich glaube aber, dass eine “freie Welt” (was auch immer das noch heißt) es aushalten können muss, dass solche Videos veröffentlicht werden. Zensur oder Unterdrückung von Information kann nicht gut sein- selbst wenn es um den privatesten Moment des Sterbens geht.
Und wenn ein solcher Film dann veröffentlicht wird, ist daran sicher nicht das Medium schuld (aber das ist ja - glaube ich - offensichtlich), sondern die Menschen, die das tun.
Andererseits muss man natürlich auch sagen, dass der Vorgang einer Hinrichtung verabscheuenswürdiger ist als das Filmen einer Hinrichtung.
PS: Interessante Fußnote zu dem Thema: Hab heute früh gelesen, dass der Film des australischen Tierfilmers Irvine (hiess der so?), der ihn zeigt, wie er von einem Stachlrochen (hiess der so?) getötet wurde, nur noch im Original vorliegt (alle Kopien gelöscht), das jetzt der Witwe übergeben wurde.
ruby am 05.01.07 um 11:32
Ich sprach nicht von Zensur durch eine übergeordnete Stelle. Auch gegen die “Seuche Internet” zu wettern ist natürlich Unsinn. (Erwähnte Herr Kornelius eigentlich irgenwo auch die “Seuche Mobiltelefon mit integrierter Kamera”? Nein?!)
Ich sprach von moralischem Verhalten. Bei diesem Video greift meine Selbstzensur ein. Ich muss nicht alles sehen, was es zu sehen gibt. Ich will Menschen nicht beim Sterben beobachten. Ich halte das für nicht gerechtfertigt und sehe darin keinerlei Erkenntnisgewinn.
Deshalb fordere ich hiermit alle auf, keine Hinrichtungsvideos zu drehen, sie nicht anzusehen und sie nicht weiterzuverbreiten. Aus ethischen Gründen. Aus Respekt vor dem Sterben und dem Tod an sich.
sobchak am 05.01.07 um 14:14
Dieser Forderung schließe ich mich an. Ein staatliches Verbot, dieses Video zu zeigen, wäre für mich allerdings Zensur. Deshalb mein ich ja: es gibt zwei kategorien, eine gesellschaftliche und eine persönlich-moralische.
pudelfreund am 07.01.07 um 17:49
Ich bleibe bei meiner Einschätzung bezüglich des Saddam Videos und schließe mich dem Kommentar von Claudius Seidl an:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,458182,00.html
ruby am 08.01.07 um 20:25
Ich bin sowieso gegen die Todesstrafe und brauche keine Henkervideos um zu wissen, dass die sie ein barbarischer Akt ist und mitnichten ein Schritt in Richtung Demokratie - wie das von George W. verkündet wurde.
Dass derartige Videos einen kommunikativen Zweck erfüllen können, ist unbestritten. Natürlich lässt sich damit wunderbar eindringlich gegen die Todesstrafe argumentieren. Aber der Zweck heiligt nicht jedes Mittel. Und auch solche Videos werden aus Befürwortern keine Todesstrafengegner machen.
ruby am 08.01.07 um 20:26
Nichtsdestotrotz lese ich die Artikel von Claudius Seidl stets mit größtem Vergnügen.
Chateaubriand am 10.01.07 um 12:22
Der “Seuche Internet” hat sich nun auch die “Titanic” angenommen, siehe http://www.titanic-magazin.de/index.php?id=3 (Eintrag vom 9.1.07). Witziger allerdings ist der aktuelle Startcartoon…
sobchak am 11.01.07 um 10:08
Und vor lauter Seuche ist jetzt auch die SZ selber befallen: heute startet sie die neue Serie Tatort Intenet übre die Gefahren des neuen Mediums. Aus Sicherheitsgründen online aber nicht verfügbar
Anonymous am 21.04.09 um 19:18
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